Sportlichkeit vs. Realität

Es gibt grundlegende Unterschiede zwischen Kampfsport/Selbstverteidigung und dem Ernstfall in der Realität. Diese solltet ihr stets im Hinterkopf haben.

1.) Umgebungsbedingungen

Trainiert wird in der Regel unter Idealbedingungen. Ihr tragt bequeme Kleidung, seid ausgeruht, die Temperatur ist angenehm. Ihr tragt griffige Sportschuhe auf einem geeigneten Bodenbelag. Idealerweise ist der Boden mit Matten ausgelegt, die einen Sturz abdämpfen.

Im Ernstfall habt ihr vielleicht eine enge Jeans und Schlappen an, die Damen hohe Absätze. Es sind vielleicht 30 Grad, vielleicht auch minus 10 Grad. Ihr habt Hunger oder Durst. Ihr kommt ausgelaugt von der Arbeit oder angetrunken von einer Party. Der Boden ist aus Beton oder Asphalt, vielleicht auch Schotter. Evtl. liegen hier auch Glasscherben, Steine oder ringsherum sind kleine Mauern oder Zäune.

2.) der Gegner

Beim Training kennt ihr in der Regel euren Trainingspartner. Um ihn zu schonen und nicht zu verletzten, kämpft ihr vielleicht nur mit 75%, statt mit 100%. Man tritt in die Beine, aber nicht in die Gelenke. Ihr schlagt auf die Brust und den Kopf, aber niemals gegen den Hals und den Kehlkopf. Und das auch meistens noch mit Handschuhen, damit euch Treffer nicht ernsthaft verletzen. Bei Hebeln lasst ihr los, wenn der Partner abschlägt. Diese Regeln befolgen alle Trainingsteilnehmer.

In der Realität hat sich ihr Gegner vorgenommen, sie zu verletzen. Er wird dorthin schlagen, wo er den meisten Schaden verursachen kann. Kehlkopf, Nase, Augen, Gelenke, Genitalien. All die Ziele, die ihr beim Training bewusst auslasst. Knochenbrüche? Und wenn schon, du bist das Opfer.

3.) Fair Play

Beim Training geht ihr nie über eine gewisse Grenze hinaus. Habt ihr mehrere sauber Tritte, Schläge oder Hebel bis zu einer gewissen Schmerzgrenze gesetzt geht ihr davon aus, der Partner ist besiegt und wahrscheinlich tauscht ihr die Rollen, oder trainiert das nächste Szenario.

Die Realität zeigt, euch zu besiegen, euch wehrlos zu machen, ist heute nur der erste Schritt. Ist das Opfer nicht mehr in der Lage, Gegenwehr zu leisten, fangen die meisten Angreifer erst richtig an. Es gibt diverse Überwachungsvideos aus Bahnhöfen. Liegt das Opfer wehrlos am Boden, geht es erst richtig los. Erst wird zugeschlagen, zugetreten. Mit den Füssen in den Körper, auf den Kopf, ins Gesicht. Ihr könnt keine Abwehrmassnahmen mehr einleiten, müsst alles hinnehmen, Knochenbrüche, Trümmerbrüche, schwerste Prellungen. Jeder Tritt und Schlag trifft euch voll, fügt euch schwere, vielleicht lebensgefährliche Verletzungen zu.

Fazit:

Egal wie hart ihr trainiert, egal wie gut ihr seid, egal wie lange ihr trainiert. Rechnet nie damit, dass der Gegner auf der Strasse sich an Regeln hält oder zurückhaltend ist. Geht immer vom Schlimmsten aus. Wenn er merkt, ihr könntet besser sein, rechnet damit, dass er sich eine Waffe sucht (einen Stein, eine Zaunlatte, eine Flasche, …), oder eine bisher verborgene Waffe wie ein Messer einsetzt.

Selbst ein einfacher Sturz kann bei einem Aufprall mit dem Kopf auf einen Stein oder einen Bordstein tödlich sein.
Habt ihr den Eindruck, dass es der Angreifer ernst meint, ergreift die Initiative, kämpft konsequent, kämpft unfair. Euer Gegner tut es auch.

Hier fallen mir zwei Zitate aus der TV Serie „Cobra Kai“ ein, die ich in der Selbstverteidigung für angebracht halte:

Strike first, strike hard, no mercy!

Wenn ihr merkt, dass ernst wird, schlagt zuerst, durchbrecht seinen Angriffsplan. Schlagt und kämpf hart,mit allem was ihr habt, haltet euch nicht zurück. Seid gnadenlos, euer Angreifer wäre es auch. Hört erst auf, wenn er nicht mehr angreifen kann, oder flieht.

A man can’t stand, he can’t fight.
A man can’t breath, he can’t fight.
A man can’t see, he can’t fight.

Greift Gelenke an, die Knie, tretet zwischen die Beine. Wenn er nicht mehr stehen kann, kann er nicht weiter angreifen.
Wenn es um euer Leben geht, schlagt zum Solarplexus oder zum Hals. Ohne richtige Atmung kann niemand kämpfen.
Geht ihm mit den Fingern in die Augen. Nicht mit zwei Fingern, wie in schlechten Filmen. Die ganze Hand als Kralle mehrfach in Richtung Augen schlagen. Ein (!) Finger muss einmal (!) ein Auge treffen, um Wirkung zu erzielen.

Selbstverteidigung ist kein Sport. Wenn ihr aber feststellt, das wird nicht nur ein Gerangel oder ein „am Kragen greifen“,  solange ihr den Angreifer nicht gebeten habt euch anzugreifen, ihr seine Gewaltbereitschaft nicht einschätzen könnt, sind Hemmungen fehl am Platz. Euer zögern könnte bedeuten, dass eure Familie morgen darüber entscheiden muss, ob der Arzt auf der Intensivstation die Maschinen abstellen soll. Während alle oben beschriebenen Massnahmen von euch in der Regel keine lebensgefährlichen Verletzungen hinterlassen.

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