Selbstverteidigung für Frauen – alles ein bisschen anders

In meinem Nebenjob als Krav Maga Trainer, betreue ich natürlich auch Frauen. Dabei fällt eine Sache immer wieder auf, die ich für sehr wichtig halte.

Frauen trainieren lieber mit Frauen – das ist soweit verständlich, aber letztendlich nicht zielführend. Hier gibt es verschiedene Gründe:

– ich fühle mich wohler, wenn ich mit Frauen trainiere

– ich möchte nicht von Männer berührt und angefasst werden

– Selbstverteidigung ist Selbstverteidigung, was zwischen Frauen funktioniert, funktioniert auch gegen Männer

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Gehen wir diese Argumente kurz durch:

– ich fühle mich wohler, wenn ich mit Frauen trainiere
– das ist verständlich, jeder möchte gerne in seiner Wohlfühlzone trainieren. Ich möchte das auch. Aber Gewalt auf der Strasse spielt sich immer ausserhalb eurer Wohlfühlzone ab. Darauf solltet ihr vorbereitet sein, das solltet ihr trainieren

– ich möchte nicht von Männer berührt und angefasst werden
– beim Training kommt man ins schwitzen. Ausserdem ist Krav Maga ein Vollkontakt-Training. Und jetzt stehst du da als Frau und fremde Männer fassen dich an. Vielleicht alte Männer, vielleicht dicke Männer, vielleicht verschwitze Männer. Vielleicht alte, dicke, verschwitzte Männer. Ja, das ist vielleicht unangenehm. Aber ihr seid beim Training, das ist kein Date, das ist kein One Night Stand. Niemand wird auch aus anderen Gründen berühren, als das Training durchzuführen. Alle Trainer achten darauf, dass es nicht zu Übergriffen oder Belästigungen kommt. Und es gab auch tatsächlich noch nie Probleme. Und sollte einmal etwas vorkommen seid sicher, wir Trainer greifen konsequent durch!

– Selbstverteidigung ist Selbstverteidigung, was zwischen Frauen funktioniert, funktioniert auch gegen Männer
– das wäre schön, wenn das so wäre. Ich stelle aber beim Training immer wieder zwei grundsätzlich Sachen regelmässig fest. Frauen schonen Frauen. Zum einen greifen Frauen andere Frauen sanfter an. Das ist schön für Frauen, ist aber unendlich weit von der Realität entfernt. Zum anderen möchten Frauen, das ihre Partnerin ein Erfolgserlebnis hat. Das heisst, sie spielt mit und lässt Techniken funktionieren, die normal niemals funktionieren würden.

Männer sind – in der Regel – grösser, schwerer und stärker als Frauen. Heisst es ist mehr Krafteinsatz erforderlich, um einen Angriff abzuwehren. Es ist damit zu rechnen, das der Angriff aggressiver, kompromisloser ausgeführt wird. Und eine halbherzige Abwehr, die technisch nicht sauber ausgeführt wird, funktioniert einfach nicht gegen einen Mann – PUNKT.

Wenn ich 2 Frauen beim Training beobachte, sehe ich diese Sachen. Dann stelle ich mich als Angreifer zur Verfügung. Und dann ist die Verwunderung gross, wenn nicht funktioniert, was mit der Partnerin immer funktioniert. Dann bessert man nach erklärt. Und plötzlich funktioniert es auch mit mir. Und wenn es nicht funktioniert – auch das kommt vor – bietet man alternative Techniken an.

Selbstverteidigungstraing soll in der Gruppe Spass machen. Aber es soll euch auch schützen. Zwei kurze Anmerkungen, aus dem Traingsalltag.
– es waren waren zwei Frauen zum Probetraining. da. Als etwas nicht funktionierte, sprang ein Kollege ein und verbesserte die Technik. Dazu musste er sie ganz normal anfassen (Erinnerung: Krav Maga = Kontakt). Woraufhin sie sich losriss, zurück sprank und laut rief: „Nicht anfassen, klar! Nicht anfassen!“
– eine Trainierende machte eine Technik komplett falsch. Ich schaute mir das eine zeitlang an und wollte dann nachbessern. Noch bevor ich dazu kam, schaute sie mich vorwurfsvoll an und sagte: “ So richtig ausgereift ist die Technik aber noch nicht.“
– das Gegenteil, wir hatten zwei weibliche Probetraings, die nach dem Traing fragten, ob sowas wirklich für Frauen gegen Männer funktioniert. Also holte ich eine unserer Frauen, etwa 1,60 Meter gross, keine Modellmasse und optisch jemand, dem man keine Gegenwehr zutraut. Ich gab ihr den „Auftrag: „Ich greif dich an, zieh es durch, bis zum Ende!!!“ – innerhalb von zwei Sekunden lag ich wehrlos und ausgeliegert am Boden, ohne es ihr leicht gemacht zu haben, ohne mitgespielt zu haben. Ja, es funktioniert, wenn man sich – das sage ich immer wieder – kompromislos und aggresiv reagiert.

Wenn ihr Selbstverteidigung betreibt, achtet darauf, dass ihr regelmässig mit Männern trainiert.

Eine Randnotiz, aber in meinen Augen extrem wichtig: ich betreue beim Traing auch Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind. Sowas eezählen sie in der Regel nicht herum. Aber beim Training stellt man fest, sie verhalten sich in eigentlich normalen Trainingssituationen „aussergewöhnlich“. Wenn man sie dann im privaten Gespräch vorsichtig anspricht, erzählen sie meist, dass es da eine Vorgeschichte gibt.
Wenn ihr aus einem solchen Grund für Selbstverteidigungstraining entscheidet, vertraut euch eurem Trainer an. Und wenn ihr das Gefühl habt, er nimmt euch nicht ernst, dann geht – sofort. Eure Suche nach Hilfe ist es nicht wert, durch Traingssituationen wieder daran erinnert zu werden, ein Flashback zu haben und euch nach dem Traing schlechter zu fühlen, als davor. Ein „da muss ich halt durch“ ist niemals hilfreich, oder zielführend. Ein verantwortungsvoller Trainer wird in der ersten Zeit Übungen aussparen, die euch in eine schlechte Situation bringen. Er wird euch beim Training erfahrene Traingspartner zuweisen, die von sich aus merken, wenn es euch zu viel wird. Und er räumt euch das Recht ein, jederzeit zu sagen „ich möchte das nicht machen, ich möchte aussetzen“.